Interview mit dem Verleger Joachim Körber zu „Amerika-Plakate“ von Richard Lorenz

Joachim Körber ist eine echte Institution in der Verlagswelt. Sein Verlag Edition Phantasia existiert seit dreißig Jahren und startete zunächst ausschließlich mit wohlfeilen streng limitierten Ausgaben prominenter Autoren. Das Verlagsprogramm umfasst inzwischen aber auch zahlreiche nicht-limitierte Bücher, darunter z.B. in deutschen Erstausgaben neuere Titel von Ray Bradbury, die nicht mehr bei Diogenes erscheinen sind. Relativ neu ist der Hardcover-Imprint kuk, der uns mit Amerika-Plakate von Richard Lorenz dieses Jahr einen herausragenden Roman beschert hat.

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Foto: Hannelore Körber

FRAGE

Wenn ich mir vorstelle, Verleger zu sein und eines Tages ein Manuskript wie Amerika-Plakate im Briefkasten hätte … Wie war deine erste Reaktion auf den Roman?

JOACHIM KÖRBER

Also, zuerst einmal muss ich natürlich sagen, dass ich eine Menge Manuskripte bekomme, und die meisten davon sind leider wirklich schlecht. Fairerweise lese ich meist die erste Seite, das gibt einem schon einen Überblick, ob das eingereichte Manuskript was taugt. Wenn es stilistische und grammatikalische Mindestanforderungen erfüllt, lese ich noch etwas weiter, aber bei den meisten höre ich dann doch auf Seite zwei oder drei auf. Bei Amerika-Plakate habe ich schon auf der ersten Seite gemerkt, dass ich hier etwas auf dem Tisch habe, das es wert ist, genauer in Augenschein genommen zu werden, habe also weitergelesen und irgendwann festgestellt, dass ich schon auf Seite vierzig war! Ein Manuskript wie dieses bekommt man wirklich selten. Mich hat von Anfang an die sehr zarte, melancholische Grundstimmung angesprochen, natürlich auch die Tatsache, dass viel Popmusik drin vorkommt – die ja neben der Phantastik mein zweites großes Steckenpferd ist.
Es gibt eine Menge deutschsprachige Autoren, die – so sehe ich das jedenfalls – haben gute Ideen, sind aber keine überragenden Stilisten. Und es gibt einige wirklich herausragende Stilisten, die aber in manchen Fällen einfach nichts zu sagen haben. Amerika-Plakate vereinigt beides in sich, einen guten, durchdachten Schreibstil und eine schöne Geschichte. Ich bin froh, dass ich dieses erstaunliche Debüt veröffentlichen durfte und wünsche Richard Lorenz von Herzen Erfolg. Verdient hätte er ihn.

FRAGE

Glaubst du denn, dass Richard Lorenz eine realistische Chance auf Erfolg hat? Das, was er schreibt, ist nun wirklich sehr weit vom bestsellertauglichen Mainstream entfernt. Was würdest du ihm als erfahrener Verleger und Szene-Kenner raten, um das Größtmögliche an Erfolg für das Buch herauszuholen?

JOACHIM KÖRBER

Das ist eine gute Frage. Wenn ich recht informiert bin, hat Amerika-Plakate ja eine lange Odyssee durch verschiedene literarische Verlage hinter sich, deren Lektoren das Buch zwar allen sehr gefallen hat … aber keiner wollte es publizieren, da ihm niemand das Verkaufspotenzial zugetraut hat. Da habe ich es mit der Edition Phantasia natürlich sehr viel leichter. Ich muss zwar auch versuchen, mit meinen Büchern Geld zu verdienen, aber was meine Verkaufserwartungen angeht, liegt die Messlatte längst nicht so hoch wie in den großen Literaturverlagen oder gar den großen Publikumsverlagen, wo ja heutzutage, hat man manchmal den Eindruck, nichts mehr zählt als der Mammon. Ich muss kein Büro und kein Lager finanzieren, das mich jeden Monat Zehntausende kostet, und insofern bin ich schon mit deutlich geringeren Absatzzahlen zufrieden.
Dennoch muss ich natürlich sagen, dass das Buch tatsächlich „weit vom bestsellertauglichen Mainstream entfernt“ ist. Trotzdem war und bin ich der Meinung, dass man Literatur – und Kunst allgemein – nicht unbedingt ausschließlich nach kommerziellen Kriterien bemessen sollte. Ich entsinne mich, dass im Spiegel einmal jemand – ich meine, es war Hendryk Broder, bin aber nicht mehr sicher – schrecklich gegen die großen deutschen Theater und die Milliarden an Steuersubventionen gewettert hat, die sie verschlingen. Als Gegen- und Musterbeispiel führte er eine Aufführung des Weißen Rössl am Wolfgangsee auf, die irgendwo seit Jahrzehnten läuft und sich durch die Einnahmen trägt. Ich fand das einen ausgesprochen törichten Essay, denn ohne die Theatersubventionen würden wir dann irgendwann nur noch das Weiße Rössel oder Peter Steiners Theaterstadl zu sehen bekommen … und das kann ja wohl niemand ernsthaft wollen.
Mit der Literatur verhält es sich nicht anders. Darum bemühe ich mich, Bücher zuerst einmal nach literarischen Kriterien zu bewerten, und wenn mich ein Buch so packt wie Amerika-Plakate, dann mache ich es. Und wenn, dies als abschließende Bemerkung, ein kleiner Verlag wie meiner sagen kann, dass er ein Buch macht, auch wenn er am Ende vielleicht ein wenig draufzahlt, weil sich das angesichts stabiler Backlistumsätze dennoch irgendwie rechnet, dann sollte das einem großen Verlag, der Millionen umsetzt, an sich zweimal möglich sein.

FRAGE

Wie lief die Zusammenarbeit mit Lorenz ab? Hast du einfach sein Manuskript lektoriert und veröffentlicht oder gab es Gespräche und Diskussionen bezüglich des Textes?

JOACHIM KÖRBER

Da muss ich den Autor zuerst einmal loben … das Manuskript war nahezu perfekt, wie ich es bekommen habe. Das Lektorat hat sich hier tatsächlich mehr oder weniger darauf beschränkt, ein paar Tippfehler auszubügeln und einige Wortwiederholungen und dergleichen auszumerzen. Aber natürlich habe ich alle Änderungen mit dem Autor entweder per E-Mail oder am Telefon diskutiert.

FRAGE

Habt ihr euch persönlich kennengelernt oder ist Amerika-Plakate ein reiner E-Mail-Deal?

JOACHIM KÖRBER

Persönlich kennengelernt haben wir uns bisher leider noch nicht … es war tatsächlich zuerst einmal ein reiner E-Mail-Deal. Als ich dann gesagt habe, dass ich das Buch definitiv herausbringen werde, haben Richard Lorenz und ich gelegentlich telefoniert, was wir bis heute machen – und natürlich stehen wir über Facebook in Kontakt. Persönlich kennenlernen werde ich ihn hoffentlich im Dezember, wenn er mit dem Schauspieler und Autor Gregor Weber eine Lesung in München veranstaltet, die ich besuchen möchte.

FRAGE

Können wir unter dem kuk-Imprint zukünftig mit weiteren derartigen Entdeckungen rechnen?

JOACHIM KÖRBER

Das kommt darauf an – wenn ich wieder ein ähnlich gutes Manuskript bekomme, warum nicht? Ich bekomme ja schon eine ganze Menge Manuskripte angeboten, aber das meiste davon, muss ich leider sagen, taugt herzlich wenig. Und man muss auch weiter bedenken, dass ein winziger Ein-Mann-Verlag wie ich natürlich kaum finanziellen Spielraum für Werbung usw. hat, wodurch es einigermaßen schwer ist, neue, unbekannte Autoren am Markt zu etablieren. Dennoch, wie gesagt: Wenn mich wieder einmal ein Text so packt, warum nicht?

FRAGE

Was das Etablieren unbekannter Autoren am Markt anbelangt, widerspricht das merkwürdigerweise den Erfahrungen, die ich mit meinem Blog dandelion gemacht habe. Meine Rezension zu Amerika-Plakate hatte am ersten Online-Tag ca. die vierfache Klickrate als z.B. meine Besprechung zu Das Haus mit den sieben Giebeln von Nathaniel Hawthorne, das bei Manesse erschienen ist. Wenn man das als Maßstab nimmt, müsste ja Manesse deutlich weniger verkaufen als du. Kannst du dir das erklären?

JOACHIM KÖRBER

Das rührt jetzt an eine ganz grundsätzliche Diskussion, die ich ständig mit Autoren und Kollegen führe. Meiner Meinung nach ist das mit den Internet eine zwiespältige Sache. Grundsätzlich sagt die Anzahl von Klicks natürlich nichts über den kommerziellen Erfolg von etwas aus. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen: Wenn ich für ein Buch eine Besprechung in einem großen, meinungsbildenden Printmedium bekomme, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ usw., dann gehen in den Tagen danach die Verkaufszahlen durch die Decke. Bei Besprechungen im Internet passiert meistens rein gar nichts … jedenfalls nicht unmittelbar. Manesse wird mit Sicherheit mehr Bücher verkaufen als ich, aber wir haben es hier auch mit zwei verschiedenen Dingen zu tun: Das Haus mit den sieben Giebeln ist ein Klassiker, und die ernten – das ist eine Branchenerfahrung – meist nicht dasselbe Interesse wie Neuerscheinungen. Amerika-Plakate ist natürlich im Moment durch die für mich erstaunlich große Zahl sehr überschwänglicher Rezensionen sehr viel präsenter als ein Autor wie Hawthorne. Das geht aber – wiederum aus meiner Erfahrung – vorüber … leider. Klassiker wie Hawthorne, Lovecraft usw. sind etabliert und werden immer irgendwie präsent sein, während neue Autoren, auch wenn sie vorübergehend ein hohes Maß an Aufmerksamkeit generieren, doch leider oft auch wieder verschwinden. Ich hoffe, dieses Schicksal bleibt Richard Lorenz erspart.

FRAGE

Welche Bücher aus dem Gesamtprogramm der Edition Phantasia kannst du den Lesern empfehlen, denen Amerika-Plakate gefallen hat?

JOACHIM KÖRBER

ALLE! Nein, das war natürlich ein Scherz. Aber ich würde sagen, wer Ray Bradbury schätzt, der dürfte Amerika-Plakate mögen, also kann ich die Bücher von Bradbury in meinem Programm durchaus empfehlen. Und mit den literarisch ebenfalls recht anspruchs- und gehaltvollen Titeln von Stefan Blankertz wäre man wohl auch nicht schlecht beraten, obwohl Dein Name sei Menschenfischer natürlich keine Phantastik ist.

FRAGE

Könntest du dir vorstellen, bei passenden Randbedingungen ein weiteres Buch von Richard Lorenz zu publizieren?

JOACHIM KÖRBER

Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Sein Kinderland ist ja bisher „nur“ als E-Book-Serie erschienen … und wie man weiß, sind E-Books ja keine richtigen Bücher. [lacht] Nein … ehe jetzt ein Sturm der Entrüstung losbricht, auch das war ein Scherz! Trotzdem … davon eine schöne Print-Ausgabe wäre denkbar.
So paradox es vielleicht erscheinen mag, aber an sich wünsche ich Richard Lorenz natürlich, dass er es bald gar nicht mehr nötig hat, in einem Verlag wie meinem zu veröffentlichen, sondern einen großen Verlag findet, der mehr finanzielle Power im Rücken hat und ihm und seinen zukünftigen Büchern die Publikumsaufmerksamkeit sichern kann, die sie verdient hätten!

FRAGE

In diesem Fall bestünde aber die Möglichkeit, dass Richard Lorenz von genau so einem Verlag versaut, sprich kommerzialisiert wird.

JOACHIM KÖRBER

Die Gefahr besteht natürlich. Letztendlich kommt es dabei aber in erster Linie auf den Autor an und in welchem Maße er sich kommerzialisieren lässt. Ich habe vor Jahren einmal einen Werkstattbericht gelesen, wie ein Lektor eines großen, angesehenen Literaturverlages sich das Manuskript eines deutschen Autors (ich will hier keine Namen nennen, aber er ist durchaus ein „Darling“ des Feuilletons und im Literaturbetrieb sicher kein ganz Unbekannter) vorgenommen und dem Autor diktiert hat, was er wie zu ändern und umzuschreiben hätte. Am Ende kam ein Buch heraus, das kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Manuskript zu tun hatte. Ich fand das ziemlich grässlich; es wurde unter dem Motto veröffentlicht, „wie Literatur entsteht“, und es kam so rüber, als wären die Literaten ja ohne ihre Lektoren gar nichts. Ich hätte mir so gravierende Eingriffe in meinen Text jedenfalls nicht gefallen lassen … und dann auch noch stolz Auskunft darüber gegeben. Ich weiß aus Gesprächen mit Richard Lorenz, dass er Angebote einiger Literaturverlage hatte, das Buch zu veröffentlichen … wenn er dies oder das umschreiben, das ganz rausnehmen und dafür mehr von dem da einfügen würde. Er ist stur geblieben und hat diesen Versuchungen widerstanden, und ich denke, das wird ihm auch weiterhin gelingen – hoffe ich. Natürlich muss man ab und an Kompromisse machen, und es ist sicherlich so, dass Lektoren, die einem Text distanzierter gegenüberstehen als man selbst, einem wertvolle Tipps geben können … aber ein Buch, das der ursprünglichen Absicht mehr oder weniger diametral entgegengesetzt ist, sollte dabei nicht rauskommen. [grinst]

Homepage der Edition Phantasia

Interview mit Richard Lorenz

Mit Richard Lorenz hat ein Ausnahmetalent die Buchwelt betreten. Sein erster Roman Amerika-Plakate ist im Frühjahr bei kuk, einem Imprint der legendären Edition Phantasia, erschienen und zeigt einen Autor, dessen Phantasie keine Grenzen zu kennen scheint.

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Copyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Für mich bist du mit Amerika-Plakate wie aus dem Nichts auf der Literatur-Bildfläche erschienen. Wie sieht deine Schriftsteller-Vita bis zur Veröffentlichung dieses Romans aus?

RICHARD LORENZ

Eigentlich habe ich keine klassische Autoren-Vita. Zwar habe ich immer wieder veröffentlicht, jedoch ausschließlich Short-Storys. Angefangen vor zwanzig Jahren, zu Beginn stark geprägt von Stephen King. Vor zwanzig Jahren jedoch galt King noch als Schundliteratur, die in Bahnhofskiosken verkauft wurde.
Von Zeit zu Zeit habe ich bei Printmedien, also Tageszeitungen, publiziert. 1996 dann eine Short-Story-Sammlung bei einem Druckkostenzuschuss-Verlag, da man damals noch nicht wirklich gut informiert war und das Angebot verlockend war. Diese Sammlung ist heute nicht mehr erhältlich – verkauft haben sich davon vielleicht eine Handvoll Exemplare.
Verlage waren mir eigentlich immer relativ suspekt, gerade im Zeitalter vor dem Internet, mit der geringen Möglichkeit nach kleinen Verlagen zu suchen. Jahrelange Wartezeiten auf ein belangloses und unpersönliches Antwortschreiben. Deshalb wollte ich tatsächlich auch nicht publizieren. Die Branche war mir zu merkwürdig. Also habe ich weiterhin einfach nur geschrieben und zwei-, dreimal im Jahr Lesungen veranstaltet.
Vor Amerika-Plakate habe ich ausschließlich für mich geschrieben. Kurzgeschichten und Novellen. Und natürlich Lesungsprogramme. Das letzte war schließlich Amerika-Plakate. Aber das hat natürlich auch einen Vorteil. Man lernt die eigene Sprache besser kennen, und man findet schließlich auch die ganz eigenen Themen. Unabhängig vom Literaturmarkt. Meiner Meinung einer der größten Fehler der aktuellen Literatur-Szene: Die Anpassung.

FRAGE

Hast du denn keine Bedenken, dass auch dir diese Anpassung irgendwann droht? Gerade Amerika-Plakate strahlt für mich im besten Sinne diese positive Anarchie aus, die guten Erstlingsromanen manchmal zu eigen ist. Glaubst du, du wirst noch genauso frei schreiben können, wenn du erst einen festen Verlag und eine feste Leserschaft im Nacken hast?

RICHARD LORENZ

Das ist tatsächlich eine sehr interessante Frage, die ich natürlich auch von Amerika-Plakate her kenne. Die „Glättung“ des Romans. Einige größere und große Verlage haben durchaus Interesse an dem Roman bekundet – jedoch mit Einschränkungen. Zu phantastisch, zu merkwürdig, zu unnormal, zu sprunghaft. Alles das. Vermutlich hätte man sich mit einem dieser Verlage einigen können, denke ich mal. Aber nicht nur, dass ich das nicht wollte, vielmehr konnte ich es auch gar nicht. Die Grundstimmung des Romans ist phantastisch, magischer Realismus. Was auch immer. Daraus einen Günter-Grass-Roman zu machen, wäre durchaus schwierig gewesen.
Ich bin ja kein Genre-Schreiber. Ich erzähle Geschichten und bediene mich deren Elemente. Deshalb trifft auf Amerika-Plakate der Begriff Phantastik auch nur begrenzt zu – und wenn, dann im Sinne eines Ken Keseys.
Tatsächlich glaube ich, man sollte die Geschichten schreiben, die man in sich trägt, und nicht die Geschichten, die das Publikum hören möchte. Gerade durch den neuen Boom des Self-Publishing entsteht jener Eindruck: Schreibe, was sie lesen wollen, und du bist ein gemachter Mann. So etwas ängstigt mich. Denn dann wird es keine innovativen Bücher mehr geben. Nehmen wir zum Beispiel Forellenfischen in Amerika von Richard Brautigan. Diese Texte sind so abseitig und wundervoll gleichzeitig, dass sie überstehen. Weil sie wichtig waren und immer noch sind. Heute lese ich in Bücher-Foren, dass sie Bradburys Fahrenheit 451 für langweilig halten oder nicht verstehen. Aber Literatur muss nicht immer nur anspruchsvoll sein, sondern sie muss vor allem mutig sein.
Persönlich glaube ich, dass man meine Texte zwar glätten kann, aber sie von der Grundstruktur, von der Erzählung, immer abseitig bleiben. Diesen Anspruch habe ich. Abseitige Figuren in abseitigen Situationen. Magie, kein billiger Zauber.
Außerdem bin ich kein junger Autor mehr, was vermutlich ein Vorteil ist. Würde ich etwas schreiben sollen, was mir nicht gefällt, dann würde ich es lassen und wieder nur für mich schreiben. Was soll‘s? Denn wenn man eines bei der Arbeit mit Sterbenden lernt, dann wohl, dass man Dinge nicht mehr abändern kann. Und dass man gefälligst seinen Weg gehen soll.

FRAGE

Der Tod ist ja allgegenwärtig in Amerika-Plakate. Ich habe ihn aber in deinem Roman so verstanden, dass die Grenzen zwischen Leben und Tod fließend sind und die Toten auf die ein oder andere Art – z.B. durch Träume und Erinnerungen – trotzdem fortleben. Das hat etwas Tröstliches, was auch der Roman nach meinem Empfinden eindeutig an die Leser transportierst. Du hattest beruflich mit dem Tod zu tun?

RICHARD LORENZ

Ja, und ich denke, der Tod ist nichts Endgültiges. Damit meine ich jetzt nicht einmal das Himmelreich, sondern vielmehr, dass von jedem Menschen etwas zurückbleibt. Gedanken, Erinnerungen, Träume, Pläne. Eine Melange. Der Tod ist ein zentrales Thema, weil ich glaube, dass wir danach unser Leben ausrichten. Gewollt oder ungewollt. Wir haben Angst davor, und diese Angst treibt den Menschen an. Das Sterben ist der Motor des Lebens, würde ich sagen.
Beruflich hatte ich mit dem Sterben zu tun, natürlich. In der Krankenpflege, später dann im onkologischen Bereich, ist der Tod dein Schatten, in dem Gespenster tanzen. Das Leben verliert seine Konturen, wenn man Sterbende begleitet. Nichts mehr hat Bestand, und zu Recht sagt Thomas Bernhard diesbezüglich: Alles ist lächerlich.
Sämtliche Bemühungen, ein genormtes Leben zu leben, wirken bei der Zerbrechlichkeit des Seins merkwürdig und abseitig. Ich persönlich glaube nicht an Bücher wie: Wünsche von Sterbenden. Das ist billiger Budenzauber. Ihre Wünsche sind einfach: Keine Schmerzen und ein würdevolles Sterben.
Und manchmal erzählen sie von zu Hause. Und meistens sind das bessere Geschichten, als sie jemals in einem Buch zu finden sind.

FRAGE

Du hast bereits erwähnt, dass du mit Amerika-Plakate künstlerische Differenzen mit diversen Verlagen hattest. Wie bist du vorgegangen, als du fertig mit Schreiben warst, und wie bist du letztendlich bei kuk gelandet?

RICHARD LORENZ

Man muss vermutlich wissen, dass Amerika-Plakate grundsätzlich eine Kurzgeschichte ist. Ausgelöst durch ein Erlebnis in meiner Kindheit, als ein Nachbarsjunge und gleichzeitig Freund tatsächlich aus dem Fenster gesprungen und dabei irgendwie die Zeit stehen geblieben ist. Ein Sommertag mit hellblauen Sommerhimmel. Darüber wollte ich schreiben. Auch über die Affinität zu Amerika – aber eher dem Film-Amerika. Dem Amerika, wie man es sich als Kind vorstellt, wenn die Nächte lang sind.
Es entstand also die Kurzgeschichte, und eines Abends sah ich mir Bloch an, mit Dieter Pfaff. Eine der frühen Folgen mit Katharina Wackernagel als Tochter. Plötzlich hatte ich den Wunsch, sie zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, die Short-Story als Audio-Geschichte einzusprechen. So schrieb ich ihre Agentur an, und wir wurden uns relativ schnell einig. Daraus entstand ein wundervoll eingesprochenes Projekt.
Völlig naiv dachte ich 2012, eine Literaturagentur könnte sich darum kümmern, dass diese Audio-Geschichte im Radio laufen würde. Stattdessen waren sie an einem Roman interessiert, und so versuchte ich mich an meiner ersten längeren Geschichte, basierend auf der Kurzgeschichte. Nach vier Monaten war der Roman dann fertig, und es war von vornherein klar, dass es damit schwierig werden könnte. Zeitsprünge, phantastische Elemente, all diese Sachen. Zudem konnte man Amerika-Plakate nicht so einfach einem Genre zuordnen, was ja scheinbar das Wichtigste überhaupt ist.
Dennoch waren einige Verlage daran interessiert, machten es aber dann doch nicht. Zu verkopft, zu merkwürdig, zu eigenartig. Wer soll das kaufen, wer soll das lesen? Gleichzeitig jammerten jedoch diese Verlage immer wieder, dass es an innovativer Literatur fehlen würde. Und vom Untergang des literarischen Abendlandes.
Eine Zeitlang sah es tatsächlich so aus, als würde Amerika-Plakate nicht bei einem Verlag erscheinen können. Anfang 2013 schrieb ich dann die Edition Phantasia an, da ich diesen kleinen Verlag immer schon sehr gerne mochte. Joachim Körbers Publikationen sind großartig, wenngleich ich mir nicht ganz sicher war, ob er diese Art Literatur machen würde. Nachdem ich ihm das gesamte Manuskript via email geschickt hatte, dauerte es dann nicht mehr lange. Körber war tatsächlich der erste Verleger, der gesagt hat: Das will ich machen, genau so. Für diesen Mut sollte man ihm einen Orden verleihen, finde ich. Oder ihn zum Ritter schlagen.

FRAGE

Joachim Körbers Verlag hat ja eine Jahrzehnte lange Tradition als Verlag für ausgesuchte phantastische Literatur. Wie wurde Amerika-Plakate denn bisher aufgenommen? Ich könnte mir vorstellen, dass bisher eher Leser und Rezensenten phantastischer Genres auf dich aufmerksam geworden sind – obwohl ich die Erfahrung gemacht habe, dass gerade sie zu den tolerantesten Buchkonsumenten überhaupt zählen.

RICHARD LORENZ

Pressearbeit gestaltet sich ja, wie man weiß, als sehr schwierig. Das heißt, um an Kultur-Reaktionen zu kommen, bedarf es Geduld und Mühe. Ohne großen Verlag im Rücken mit Hunderten von Freiexemplaren wird es schwierig – vor allem, wenn es sich nicht um Genre-Romane handelt. Hier helfen auch kaum Leserunden oder Facebook-Werbung. Der Markt ist völlig überschwemmt, leider.
Die Reaktionen waren bisher sehr positiv, wenn auch noch nicht sehr zahlreich. Auch hier scheint es für die Leute schwierig, da sie den Roman nicht zuordnen können. Was ist es nun? Gegenwartsliteratur, phantastische Literatur, magischer Realismus? Wer kann das schon so genau sagen? Für mich ist es einfach eine gute Erzählung. Nicht mehr, nicht weniger.
Natürlich hoffe ich weiterhin, dass der Roman auffallen wird.

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Copyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Welche literarischen Vorbilder hast du? Nach Lektüre von Amerika-Plakate würde ich insbesondere auf Ray Bradbury und Paul Auster tippen. Was ich dabei aber bemerkenswert finde, ist, dass du eine völlig eigene Stimme hast. Ich behaupte, aus einem Stapel Neuerscheinungen würde ich dich ohne Probleme heraushören.

RICHARD LORENZ

Hier wird es schwierig, die Frage konkret zu beantworten, denn die Vorbilder sind eigentlich vielmehr Wegweiser dafür, wie eine gute Geschichte funktionieren kann, wenn sie das Zwielicht streift. Bradbury ist natürlich für mich ein zentraler Autor. Fahrenheit 451, Die Mars-Chroniken, auch seine Short-Stories. Wie Paul Austers Geschichten sind sie immer voller Liebe und Hoffnung. Das gefällt mir. Die New-York-Bücher von Auster – wundervoll. Vor allem „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“, eine kurze Episode, die mich beeindruckt hat und es immer noch tut.
Aber auch Autoren wie Truman Capote mit seinen Beschreibungen oder Friedrich Ani, der für mich einen der besten deutschen Autoren darstellt. Stephen King natürlich, vor allem mit seinen untypischen Erzählungen. Frühling, Sommer, Herbst und Tod – für mich eines seiner besten Bücher.
Michael Chabon mit seinen Wonderboys oder T. C. Boyle. Neil Gaiman, der immer noch viel zu wenig Beachtung findet.
Ich mag Autoren und Bücher, die anders sind. Im positiven Sinne abseitig. Die mein Herz oder meine Seele berühren, die einen ganz eigenen Soundtrack inne haben. Diese Eigenschaft sollte gute Literatur immer haben – wenngleich das natürlich nicht immer die breite Masse anspricht. Vom Gefühl her gibt es in Deutschland kaum diese Nischen-Literatur, obwohl sie alle davon sprechen. Ich sehe ausschließlich Mainstream-Varianten, stapelweise auf Büchertischen. Als wäre Literatur nur noch billige Lift-Musik. Deshalb stehe ich auch dieser „Demokratisierung der Literatur“-Bewegung eher skeptisch gegenüber.
Wer schreibt, sollte meiner Meinung nach viel gelesen haben und weiterhin viel lesen. Von Büchern habe ich gelernt. Heutzutage gibt es ja überall Schreibwerkstätten und Workshops, und ich weiß tatsächlich nicht, was ich davon halten soll. Natürlich ist Schreiben ein Handwerk, so wie das Zaubern ein Handwerk ist. Aber dahinter gibt es noch etwas, und das kann man nicht erlernen.

FRAGE

Insbesondere mit Paul Auster teilst du ja eindeutig eine herzliche Zuneigung zu den Gestrauchelten…

RICHARD LORENZ

Paul Auster hat in der Tat einen wundervollen Blick auf die Gefallenen. Jene, die meist im Schatten des Lebens stehen. Ebenso wie Billy Wilder in seinen Filmen. Anti-Helden und Verlorene als Kontrast für ein Leben, das wir nicht verstehen.
Leibrand ist so angelegt. Ein Mann, der sich im Leben nicht wirklich zurecht findet, jedoch vermutlich das Leben atmet. Solche Menschen sind weitgehend Einzelgänger. Suchende. Diese Suche impliziert natürlich eine ständige Auseinandersetzung mit dem Leben. Für einen gut verdienenden Bankangestellten stellt sich selten die Frage nach dem Sein. So brauchen wir Zerbrochene, um das Leben zu verstehen. Deshalb haben wir vermutlich auch Probleme mit Obdachlosen und Bettlern, mit all den Gestrandeten. Sie zeigen uns die andere Seite des Lebens, und dass es ein schmaler Grat ist. Ein Abgrund, an dem wir alle stehen.
Solche Menschen sind so nahe am Leben, dass sie mich stark beeindrucken. Krankheiten und Tod der ständige Begleiter. Was passiert, wenn man nichts mehr zu verlieren hat? Das ist eine zentrale Frage, die wir uns stellen sollten. Und: Was bleibt, wenn wir alles verlieren?

FRAGE

Sämtliche Schrecken, die die Protagonisten in Amerika-Plakate heimsuchen, haben ihren Ursprung in der Kindheit. Der kindliche Kuss zwischen Leibrand und Suzanne stellt die Weichen für mindestens zwei Leben. Bist du ein Mensch, der die Kindheit stets mit sich herumträgt? Viele Menschen scheinen diese Zeit als Erwachsene ja völlig vergessen bzw. verdrängt zu haben.

RICHARD LORENZ

Um das Leben zu verstehen, ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, jene Dinge in Gewahrsam zu halten, die uns als Kind geängstigt haben. Oder von denen wir geträumt haben. Nur so kann eine stetige Neu-Orientierung passieren. Ich glaube, als Kind sieht man das Leben wie eine riesige Landkarte mit unzähligen Straßen und Wegen, mit geheimnisvollen Plätzen und magischen Orten. Je älter man wird, desto kleiner wird diese Landkarte und die Magie verschwindet. Für Kinder zählen andere Werte als materielle Dinge – jedenfalls die meiste Zeit. Später scheinen wir die Hoffnungslosigkeit des Seins mit Wohlstand und Sicherheit abdecken zu wollen.
Tatsächlich entspringt der Schrecken in der Kindheit, prägt uns. Sämtliche Eindrücke sind als Kind hell, beinahe grell und nahe. Der Himmel ein Baldachin, zum Greifen nahe. Alles das verlieren wir auf eine Art und Weise, von einem Tag auf den anderen, wenn wir aufwachen und erwachsen sind. Eigene Kinder bringen dieses Gefühl zurück. Die Ängste vor der Dunkelheit, die Hoffnungen eines unendlichen Sommertages.
Ich selbst bin auf dem Land aufgewachsen, die RAF-Gespenster noch an jeder Ecke stehend. Der Vater dem Alkohol zugeneigt, die anderen Kinder oftmals bösartige Figuren. Es entstehen Geschichten, die man sich selbst erzählt. Die man sich vorbetet wie ein Vater-Unser, um nicht zu ersticken.
Dennoch: Die Sommer waren nie länger und die Grillen nie lauter. Wie sollte man das je vergessen können?

FRAGE

Genauso wie man die erste Liebe ein Leben lang wie eine für niemanden sichtbare Tätowierung in sich trägt?

RICHARD LORENZ

Jene Unsichtbarkeit von Wunden, Verletzungen sind ein interessantes Thema. Jeder von uns trägt diese Dinge in sich. Manchmal sind diese Schnittstellen wie ein Leuchtfeuer. Ob es nun die erste Liebe ist oder das Sterben eines Kindes – wir tragen es mit uns. Fabrizieren ein Traumgeäst darum.
Begegnungen sind allgemein ein starkes Thema eines jeden Geschichtenerzählers. Bindungen und Schwankungen. Aus Liebe entsteht Hass, solche Dinge.
Erzählungen wachsen aus diesen Leuchtfeuern, damit wir sie verstehen können. Oder damit wir sie niemals vergessen.
Leibrand erging es mit Suzanne so. Ein Kuss auf dem Jahrmarkt und eine lebenslange Suche nach dem Mädchen. Es hat etwas Zerbrechliches an sich, aber auch etwas Mutiges. Den Spuren weiter folgen, den Atem nach den Träumen ausrichten. Das sind große zentrale Themen, die einhergehen mit Schuld, Sühne und Erlösung.

FRAGE

Vier Monate für die Erweiterung von der Kurzgeschichte zum Roman Amerika-Plakate finde ich sehr schnell angesichts des sprachlich sehr anspruchsvollen Textes. Fällt dir das Schreiben in dieser Qualität generell leicht?

RICHARD LORENZ

Sobald ich den Sound einer Geschichte gefunden habe, fällt es mir relativ leicht, zügig zu schreiben. Wobei ich mich nur vage an ein Exposé halte, wenn überhaupt. Eine Geschichte zu „plotten“ stört mich persönlich ungemein, wird meiner Meinung nach auch überschätzt. Diesbezüglich gefällt mir auch das Absurde, wenn in Raymond Chandlers Romanen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, weil sie schlichtweg vergessen wurden. So etwas ist mir sehr sympathisch, denn es zeigt den Atem eines Buches.
Heutige Bücher könnten auch von Robotern geschrieben worden sein. Nicht alle, aber viele. Gerade im Genre-Bereich – sie sind so blank gescheuert wie ARD-Sonntagsfilme.

FRAGE

Obwohl ich bei Amerika-Plakate schon den Eindruck habe, dass du die Handlung bereits von Anfang an im Kopf hattest. Bereits auf den ersten Seiten finden sich Echos späterer Ereignisse.

RICHARD LORENZ

Das stimmt. Da ich Erzählungen oft überarbeite, achte ich auf diese Dinge. Kleinigkeiten, die sich dann letztendlich einfügen und eine Geschichte abrunden. Für mich ist es natürlich schon wichtig, dass ein Roman schlüssig bleibt – egal wie abseitig oder absurd er auch sein mag.
Bei Amerika-Plakate wusste ich natürlich bereits den Schluss, jedenfalls Leibrands Ende der Geschichte. Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn man bereits eine Vorahnung über den Schluss hat. Vieles in Amerika-Plakate wurde aber auch nur angerissen, vage gezeichnet. Phantastische Elemente können ganz schnell entzaubert werden, sobald man versucht sie zu erklären. Letztendlich gilt das vermutlich für die meisten Elemente eines Romans. Natürlich sollte man wissen, wovon man schreibt – aber man sollte nicht versuchen, alles zu erklären.
Vieles jedoch ist erst beim Schreiben entstanden, was ich eigentlich sehr gerne mag. Den Überraschungsmoment, wenn Dinge geschehen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ich denke, als Leser merkt man sehr schnell, was geplant wurde und was nicht. Bei Stephen King zum Beispiel merkt man es sehr stark.
Ich mag dieses Jazz-Gefühl, wenn eine Erzählung kurz aus dem Ruder läuft und sich dann aber wieder zusammenfindet. Sicherlich keine sehr einfache Angelegenheit, denn natürlich kann so eine Tagesarbeit in einer Sackgasse enden. Aber sie kann eben auch zurückführen zur Hauptstraße oder wenn man sehr viel Glück hat auf einen unbefahrenen Weg voller Löwenzahn.

FRAGE

Wie können wir uns einen typischen Tag im Leben des Schriftstellers Richard Lorenz vorstellen?

RICHARD LORENZ

Hoffen und beten, sozusagen.
Ich arbeite an neuen Projekten, also schreibe ich natürlich jeden Tag. Meistens am Nachmittag bis zum frühen Abend.
Letztendlich habe ich es mir zwar sehr beschwerlich vorgestellt, jedoch nicht so steinig. Nicht das Schreiben an sich, sondern vielmehr die Literatur-Welt. Nach wie vor ist diese Parallelwelt befremdlich für mich. Lesungen zu organisieren wird immer mehr zu einem Schattenboxen.
Wenn ich mir anschaue, welche Autoren heute bei großen Verlagen literarische Erzählungen publizieren, sehe ich kaum eine Möglichkeit für mich. Das soll kein Vorwurf sein, es sind bestimmt sehr gute Bücher. Aber ihre Biographien unterscheiden sich doch gewaltig von meiner eigenen. Die Zeiten eines Bukowskis, der aus der Gosse heraus wunderbare Gedichte publizierte, sind vorbei. Einen Überraschungs-Erfolg zu platzieren scheint fast unmöglich.
So sieht mein Tag aus: Nach einem Mausloch zu suchen, dahinter die Möglichkeit, bescheiden das tun zu dürfen, was man möchte. Aber wer kann das schon?

FRAGE

Was können wir neben Amerika-Plakate noch von dir lesen? Gibt es noch veröffentlichte Kurzgeschichten?

RICHARD LORENZ

Es gibt zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte. Versteckt in Telefonbüchern der Städte, vergraben auf Friedhöfen, mit Kreide an Häuserwänden geschrieben. Unter der Tapete meines Arbeitszimmers geklebt warten 47 Kurzgeschichten.
Die Gespenster kennen sie alle.

FRAGE

Es gibt da die elektronische Fortsetzungsgeschichte Kinderland. Kannst du uns bitte etwas darüber erzählen?

RICHARD LORENZ

Kinderland wurde als Serial-Novel konzipiert, die bei einem Münchner ebook-label herausgekommen ist. Fortsetzungs-Romane haben mir immer sehr imponiert.
Letztendlich ist Kinderland eine Erzählung um das Aufwachsen in einer kleinen Stadt, in der Kinder verloren gehen, vergessen werden. Es hat mich gereizt, etwas zu erzählen was im direkten Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Dachau steht. Und dem Vergessen von Träumen und Traum-Episoden.
Kinderland ist im Gegensatz zu Amerika-Plakate eher eine Weitwinkel-Aufnahme mit vielen Figuren mit Anleihen einer Tim-Burton- Erzählstruktur. Natürlich wird so etwas sofort kategorisiert, in diesem Fall: Mystery. Damit kann ich mich aber bis heute nicht wirklich anfreunden.

FRAGE

Du hast nach Amerika-Plakate bereits einen neuen Roman, Frost, Erna Piaf und der Heilige geschrieben. Wie ist der aktuelle Status dieses Werkes?

RICHARD LORENZ

Zum aktuellen Status kann ich mich nicht äußern, weil noch alles in der Schwebe ist. Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn das Buch seinen Weg finden würde. Denn ich glaube, es ist eine schöne Geschichte vom Leben und vom Sterben. Und von einer Suche, die in Paris endet.

FRAGE

Woran arbeitest du zur Zeit?

RICHARD LORENZ

Zur Zeit arbeite ich an einer weiteren literarischen Erzählung über einen Schriftsteller, der auch Salinger hätte sein können. Also verschroben, aus dem Leben gefallen. Salinger ist ja eine hochinteressante Persönlichkeit, und die Weigerung zu publizieren, finde ich äußerst sympathisch. Solche Figuren fehlen heute sehr, wie ich finde.
Wer weiß, vielleicht wird das sogar mein letzter Roman – also jedenfalls der letzte, der den Weg nach außen sucht. Weiß Gott, vielleicht tue ich es dann dem Protagonisten des aktuellen Romans gleich und schreibe nur noch für die Gespenster, die nachts an mein Bett kommen. Denn wir müssen alle unsere Wege gehen, und manche Wege sind mit der Zeit unpassierbar geworden.

Homepage von Richard Lorenz

[Rezension] Richard Lorenz – Amerika-Plakate

Originalveröffentlichung, 2014

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Gute Schriftsteller gibt es viele. Eher selten dagegen stößt man auf ein Buch, von dem man ehrfürchtig denkt, dass kein anderer Autor auch nur annähernd so etwas schreiben könnte, so eigen, so außergewöhnlich und sprachlich so abweichend ist es. Amerika-Plakate von Richard Lorenz ist solch ein Buch. Ein kompliziertes Buch, das von der ersten Seite an signalisiert: hier ist etwas, das du nicht alle Tage lesen wirst. Und als ich das Buch nach der letzten Seite zugeklappt hatte, habe ich dasselbe gedacht.
Erzählt wird Amerika-Plakate von einem namenlosen Ich-Erzähler, der, man ahnt es schon nach wenigen Seiten, für die Geschichte selbst völlig irrelevant scheint, so neutral und aktionslos bringt er sich selbst ein. Aber, er ist es, der uns die Geschichte von Leibrand erzählt – mit der zeitlichen Distanz mehrerer Jahrzehnte.
Kristallisationspunkt ist Leibrand, der als Junge in seinen Kleiderschrank flüchtet, um vor seinem alkoholischen Vater sicher zu sein, der eine Etage tiefer seine Mutter misshandelt. Wenn es besonders schlimm wird, flüchtet Leibrand sich, inspiriert von Paul Austers Kurzgeschichte „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“ in ein imaginäres Amerika. Seine Portale dahin sind die Amerika-Plakate des Titels, die Leibrand im Kleiderschrank zu malen beginnt.
Der eigentliche Startschuss für Amerika-Plakate fällt damit, dass der Zirkus in die Stadt kommt. Leibrand und der Erzähler sind elf Jahre alt, und eine Rattenplage eilt dem Zirkus voraus. Die Szenerie aus Zuckerwattengeruch, dem Rattern des Glücksrads und den pompösen Lock-Parolen der Schausteller könnten einer Ray-Bradbury-Idylle entsprungen sein, würde man nicht schon sehr bald merken, dass Lorenz sich sehr viel tiefer ins dunkle Herz der Menschlichkeit bzw. Unmenschlichkeit hineingräbt. Es liegt eine beinahe archetypische Furcht über der Siebziger-Jahre-Szenerie: der Angst vor RAF-Gespenstern, vor Kindermördern, vor prügelnden Ehemännern und vor den gruseligen Kinoleuten, die der Zirkus mit anschwemmt. Das alles setzt Lorenz mit ungemein gekonnter Feder in eine völlig entgegengesetzte poetische Sprachzentrierung. Die Sprache hat dabei eine Täuschungsfunktion wie der Nebel für den Zauberer. Wie Zuckerwatte, in der Rasierklingen versteckt sind, verzaubert und schockiert uns diese meisterhafte Prosa gleichermaßen. Und, als sei er selbst ein Zauberer, wollen wir Lorenz gar nicht fragen, wie er das macht, denn jedes deutliche Wort hieße das Ende der Magie. Überhaupt hat man selbst als aufmerksamer Leser ständig das Gefühl, dass Lorenz viel mehr weiß als wir, und ich kann nicht sagen, ob ich die letzten Rätsel der Amerika-Plakate je lösen werde oder vielmehr überhaupt je lösen möchte.
Die Kindheit von Leibrand erlebt ihren Höhepunkt und ihr Ende, als er Suzanne, das Mädchen mit den feuerroten Haaren sieht und es dazu kommt, dass die beiden sich küssen. Dieser Kuss ist das Evangelium, für das Leibrand fortan leben wird, und als Erwachsener wird er keine Ruhe finden, ehe er Suzanne nicht wiederfindet. Die erwachsene Suzanne ist für mich auch der ergreifendste Charakter in Amerika-Plakate. Ihre Einsamkeit wird beinahe greifbar, so nah ist sie dem Leser. Wenn ich mir etwas von Richard Lorenz wünsche, dann, dass er in Zukunft weitere so liebenswerte Schöpfungen zu Papier bringt. Die anderen Charaktere des Romans, egal ob obdachlos oder verrückt, sind ebenfalls mit viel Wärme geschildert, und man spürt deutlich, dass Lorenz ein großes Herz für die Verlierer der menschlichen Gemeinschaft hat. Suzanne ist allen anderen jedoch einen Schritt voraus. Sie wird nicht nur von Leibrand geliebt, sondern auch von mir als Leser, so sehr hat sie sich in meinen Gedanken breitgemacht. Eine erstaunliche schriftstellerische Leistung.
Richard Lorenz‘ Welt der Erwachsenen lässt die Geister und Werwölfe der Kindheit weiterleben, nur mit viel weitreichenderen Folgen. Amerika-Plakate ist bevölkert mit Engeln, Sehern und Schutzengeln, doch letztlich besteht das schräge Romanfiguren-Ensemble nur aus melancholischen Träumern, von der Gesellschaft ausgespuckt, die verzweifelt nach ihrem Glück greifen. Spätestens hier stellt sich die eigentlich unwichtige Frage: Was ist Realität? Unwichtig deshalb, weil sie keine Rolle spielt. Amerika-Plakate ist Fiktion. Aber was für eine.

Originalausgabe (Bellheim: kuk, 2014)

Lektorat: Uwe Voehl