Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 14: Desirée Löffler

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Desirée Löffler, gerade 31 geworden, Radio-Journalistin und süchtig nach dem Geräusch, das beim Umblättern einer Seite entsteht. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie vor einigen Jahren POP/KULTUR/SCHOCK gegründet und schreibt dort über Literatur, Fernsehserien, Musik, Filme und Comics.

Emily Brontë – Sturmhöhe
Brontë+SturmhöheEmily Brontës Sturmhöhe als Liebesroman zu bezeichnen, ist vielleicht abwegig, weil in dieser Geschichte eigentlich der Hass regiert. Aber es war der erste große Liebesroman, sogar der erste große Roman überhaupt, den ich je in den Händen hatte. Seitdem bin ich auf der Suche nach einem Buch, das mich so bewegt wie dieses.
Ich weiß noch genau, wie ich daran geraten bin: Mit 14 zum ersten Mal alleine in der Bibliothek für „Große“, und keine Ahnung, wie ich mich orientieren sollte. So viele Bücher! Aber den Namen Brontë hatte ich schon mal gehört, und außerdem war die Ausgabe, vor der ich zufällig stand, in vertrautem Reclam-Gelb. Ohne irgendetwas anderes darüber zu wissen, habe ich die Sturmhöhe mit nach Hause genommen, mich an einem verregneten Herbst-Sonntag an meinen Schreibtisch gesetzt und zu lesen begonnen.
Es fühlte sich an, als wäre die Leidenschaft eines ganzen Lebens in dieser einen Geschichte gelandet, in der zwei Ziehgeschwister sich so sehr lieben, dass der Rest ihrer Welt an dieser Liebe zerschellt. Und so ähnlich war es auch: Emily Brontë hat das einsame Pfarrhaus im Moor von Yorkshire nur für ein paar Jahre verlassen, als Mädchen. Danach bestand ihr Leben darin, sich um den Haushalt ihrer Familie zu kümmern und in ihren Geschichten zu leben. So weit wir wissen, hat sie sich nie verliebt.
Das ist ein verdammt hoher Preis, um so ein Buch schreiben zu können, aber das Ergebnis hat so viele Menschen so tief bewegt – zumindest für uns Leser ist die Sturmhöhe ein gewaltiges Geschenk.

Stephanie Perkins – Herzklopfen auf Französisch
Stephanie_PerkinsIch habe hin und her überlegt, ob ich dieses Buch mit dem furchtbaren Titel und dem noch viel furchtbareren Cover wirklich empfehlen kann. Ich habe mich schließlich selbst lange gegen das Lesen gewehrt, und war auch dann noch fest entschlossen, dieses Romänchen blöd zu finden. Aber es ist mir nicht gelungen.
Wir können uns wahrscheinlich alle auf Folgendes einigen: Romane haben viele Zwecke, und einer davon ist, uns an einen anderen Ort zu transportieren, in eine andere Zeit – uns die Möglichkeit zu geben, für ein paar Stunden ein anderes Leben zu leben. Liebesromane lassen uns nochmal – oder vielleicht sogar zum ersten Mal – die große Liebe finden. Nicht alle – bei Anna Karenina ist es mir nicht so gegangen. Aber mit Jane Austens schon.
In dieser Tradition schreibt Stephanie Perkins. Ihre Protagonistin ist gerade offen genug, um als Vehikel für die Leser(in – ich gebe zu, dass ich für Männer wenig Anreiz sehe) zu fungieren, und gerade sympathisch genug, damit man sich nicht allzu schlimm dafür schämen muss. Während dieses Mädchen sich also in Paris zum ersten Mal verliebt, war ich dabei – und zwar mit Haut und Haaren.
Die Bücher, während deren ich mich nochmal gefühlt habe, als sei ich fünfzehn und zum ersten Mal verliebt, inklusive Herzklopfen und Schweißausbrüchen, kann ich an einer Hand abzählen, und Herzklopfen auf Französisch gehört dazu. Trotz des Covers.

Rafik Schami – Die dunkle Seite der Liebe
rafik schami„Man müsste, dachte ich damals als Sechzehnjähriger, einen Roman über alle Spielarten der verbotenen Liebe in Arabien schreiben, und ich wünschte mir dies mit der ganzen Naivität eines Liebenden. Aber mein Handwerkszeug als Erzähler war noch nicht genügend ausgereift.“ Das schreibt Rafik Schami im Nachwort zu Die dunkle Seite der Liebe, seinem Lebenswerk. Zweiundvierzig Jahre hat es gedauert, bis die Idee in die Tat umgesetzt und der Roman geschrieben war, und das Ergebnis hat entsprechende Ausmaße: 1022 Seiten, und auf fast jeder geht es um die Liebe.
Schami erzählt wie eine Familienfehde zwischen zwei christlichen Clans in Syrien drei Generationen unglücklich macht. Im Zentrum steht eine Romeo und Julia-Geschichte, aber Schami windet tausendundeinen Handlungsstrang durch die verbotene Liebe: Vignetten um liebende, hassende, zweifelnde, verzweifelte und unschuldige Familienmitglieder. Er selbst bezeichnet seinen Roman als Mosaik.
Die dunkle Seite der Liebe erkundet die Liebe von allen denkbaren Seiten, und der Roman ist selbst der vielleicht längst Liebesbrief der Welt, gerichtet an Schamis Heimatstadt. Der Autor hat Damaskus seit 25 Jahren nicht mehr gesehen, der syrische Staat verwehrt ihm seit seiner Flucht die Einreise. Wie groß die Sehnsucht mittlerweile ist, verrät die letzte der 1022 Seiten:

Und nun schreibe ich den Satz, auf den ich Jahrzehnte hingearbeitet habe.
Dies ist der letzte Stein meiner Geschichte. Er liegt im Mosaikbild unten links und trägt die Nummer 304.
Ich werde nun aufstehen und zur Feier des Tages einen Espresso trinken. Ab morgen werde ich beim Aufwachen nur noch an Damaskus denken.

Brian K. Vaughan und Fiona Staples – Saga
SagaSaga ist streng genommen kein Roman, aber auch Brian K. Vaughans sensible Comic-Serie ist eine Variation des Romeo und Julia-Themas, diesmal zwischen zwei Bewohnern verschiedener Planeten. Und die Linie zwischen Comic-Serie und Graphic Novel ist ja sowieso fließend.
Die Space Opera ist nicht unbedingt mein Genre, aber Saga ist umwerfend. Vaughan und Staples erzählen aus der Perspektive der neugeborenen Tochter der beiden Liebenden, und der Ton der Geschichte ist oft sehr leicht, trotz aller Tragik. Innerhalb einer Doppelseite bringen sie mich zum Lachen, um mir dann Momente später das Herz zu brechen.
Saga beschäftigt sich in jeder Ausgabe aufs Neue damit, welchen Preis wir für die Liebe zu zahlen bereit sind, was wir hinter uns lassen, welchen Hass wir auf uns laden würden, wenn wir müssten. Und genau wie Rafik Schami kommen Vaughan und Staples zu dem Ergebnis, dass die Liebe zwar die Welt derer, die sie empfinden, mühelos auf den Kopf stellt, dass sie aber gegen Ressentiments und Rassismus nur schwer ankommt.

Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 13: Tilman Winterling

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Heute zu Gast: Tilman Winterling, der Schöpfer des Literaturblogs 54books. Er ist Jahrgang 1987 und Jurist.

„Sorry, ich lese keine Liebesromane, und ich kenne auch keine außer dem Werther.“ So hätte meine unbedachte Antwort auf Frank Duwalds Frage lauten können, als er mich bat, bei seiner Reihe Die liebsten Liebesgeschichten mitzumachen. Wohlüberlegt, wie meist, habe ich mir aber keine Gedanken gemacht und zugesagt, über Werther kann man ja immer mal zwei, drei Zeilen schreiben. Nun schlich ich an meinen Regalen vorbei und belud mir die Arme mit zu erwähnenden Büchern: alles Liebesgeschichten.
Aber was ist schon eine Liebesgeschichte? Geht es nicht sowieso in jeder Form von Literatur immer nur um Liebe: Liebe zwischen Graf und Gräfin, Graf und Bauernmädchen, Eheleuten, Dahergelaufenen, Vampiren und Mondscheinmädchen, Monstern und Burgfräulein usw. usf. Die Bücher, welche ich mir auf den Arm lud, könnten unterschiedlicher nicht sein, und da sie bereits zweistellig sind, nur wenige Worte zu jedem.

Lehrjahre des Gefühls – Gustave Flaubert
In Flauberts L’Éducation sentimentale (Übersetzungen u.a. auch als Die Schule der Empfindsamkeit, Die Erziehung des Herzens, Die Erziehung des Gefühls) verliebt sich Frédéric Moreau in eine verheiratete Frau. Aufgrund dieser unerfüllt bleibenden Liebe verliert sich Moreau in Affären und versucht sich als Weltmann, um am Ende in Liebe und Leben zu scheitern.

Die Wahlverwandtschaften – Johann Wolfgang von Goethe
Ein überaus unterhaltsamer Roman aus der Feder des Dichterfürsten. Zwei Paare verlieben sich „über Kreuz“ und sind hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Pflichtgefühl. Der Versuch, der Liebe zu entsagen, misslingt, und tragische Ereignisse nehmen ihren Lauf.

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Oblomow – Iwan Gontscharow
Ilja Iljitsch Oblomow ist ein russischer Adliger, der, auf seinen Reichtum gebettet, die eigene Faulheit zur Lebensmaxime kultiviert hat. Die Überwindung der Lethargie bahnt sich an, als Oblomow sich in Olga verliebt. Doch die Trägheit ist stärker als die aufkeimende Liebe.

Tante Julia und der Kunstschreiber – Mario Vargas Llosa
Ein inzestuöses Verhältnis des Neffen zu seiner (nur) vierzehn Jahre älteren Tante im Lima der 50er, eine Militärdiktatur und der ewige Kampf von Autoren um Anerkennung, zwischen dem eigenen Anspruch, Unterhaltung und der Notwendigkeit des Geldverdienens. Große, nobelpreisgekrönte Unterhaltung aus Südamerika – Anspruch und Unterhaltung in symbiotischer Liebe.

High Fidelity – Nick Hornby
Rob wird von seiner Freundin verlassen und nimmt dies zum Anlass, über die verflossenen Lieben seines Lebens zu sinnieren, sortiert in einer Top 5. Nick Hornby lässt den Trennungsschmerz mit Popmusik verschmelzen, ein Genuss für alle, die schon mal versucht haben, im Plattenladen um die Ecke ihre Sorgen abzugeben.

Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque
Eine große Liebe in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, ein Buch über Verlust, Treue und die Kraft zweier Menschen, sich trotz des ihnen widerfahrenden Unrechts einander zu begleiten. Wen dieses Buch nicht berührt, der hat kein Herz.

Ansichten eines Clowns – Heinrich Böll
Eines meiner ersten Lieblingsbücher, welches ich trotz aller Leidenschaft immer nur schlecht an andere vermitteln kann (entweder die Leute mögen keine Clowns oder sie mögen Böll nicht, meist sogar beides). Hans Schniers Leben und Karriere als Komiker zerbricht, nachdem ihn seine Freundin Marie nach einer Diskussion über die religiösen Voraussetzungen einer möglichen Ehe verlassen hat. Verlogene Moral in Nachkriegsdeutschland zwischen nationalsozialistischen und katholischen Werten.

Brand’s Haide – Arno Schmidt
Ein Kurzroman zum Herantasten an das Werk Schmidts. Der Kriegsheimkehrer Schmidt freundet sich mit zwei Flüchtlingsfrauen an und verliebt sich in eine. Im Deutschland 1946 stehen diese zarten Bande aber vor erheblichen materiellen Schwierigkeiten.

Mitten ins Gesicht – Kluun
Stijn begleitet seine krebskranke Frau beim Sterben. Selten so viel geweint und einer der Gründe, warum ich keine Krebsbücher mehr lese.

Eine blaßblaue Frauenschrift – Franz Werfel
Leonidas ist ein höchst erfolgreicher, weil aalglatter, Beamter im Wien der 30er Jahre. Sein Leben und seine Karriere geraten ins Wanken, als eine verflossene Jugendliebe mit der Bitte an ihn herantritt, sich für ihren Sohn einzusetzen. Nachgerechnet vermutet er, dass es sich um den gemeinsamen handelt und er denkt darüber nach, sein Leben zu ändern. Aber …

Die Leiden des jungen Werther – Johann Wolfgang von Goethe
Mein absolutes Liebeshighlight. Man hasst oder liebt den empfindsamen Werther in seiner Liebe zu Lotte, hält ihn für ein Weichei oder den Helden seiner Leidenschaft. Gleich, wie man sich entscheidet, dieses Buch muss man gelesen haben!

Ach, um das jetzt klarzustellen: ich lese keine Liebesromane!

Algernon Blackwood | Der Zentaur

Originalveröffentlichung:
The Centaur (1911)

Algernon Blackwood - Der Zentaur

In seinem mystischen Schlüsselroman schreibt sich Algernon Blackwood, der große Erzähler unheimlicher Geschichten, in einem zeitweise delirierenden Schreibstil voller rauschhafter Naturbeschreibungen die eigenen inneren Untiefen von der Seele.

Autoren, die in ihren Werken aus den Tiefen ihres Selbst schöpfen und somit die Literatur als Medium ihrer eigenen Befindlichkeiten nutzen, lassen sich oft auf ein Schlüsselthema fokussieren, über das sie letztlich immer wieder schreiben. Es ist spannend für Leute wie mich, ein solches Sujet im Werkkontext eines Autors herauszuarbeiten, aber ein wahrer Glücksfall ist es, wenn ein Schriftsteller uns ein Schlüsselwerk an die Hand gibt, das sein gesamtes Restwerk in einem neuen Licht erscheinen lässt, es quasi auf ein völlig anderes Fundament stellt. Hat man ein solches Werk gelesen, raunt es einem zu, dass man nun ausreichend gerüstet sei, mit diesem neu gewonnenen Wissen noch einmal ganz am Anfang der Bibliographie desjenigen einzusteigen.
Was beispielsweise für das Verständnis Arthur Machens dessen Roman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume] ist, ist The Centaur [Der Zentaur] für das Gesamtwerk Algernon Blackwoods. Blackwood hatte unter anderem mit seiner Novelle “The Willows“ [“Die Weiden“] (1907) der englischen Schauerliteratur einen unsterblichen Beitrag spendiert, aber welcher spirituelle Treibstoff den Autor zeit seines Lebens offenbar antrieb, das eröffnet uns erst der Roman The Centaur.
Ginge es hier nur um Plot, würde der Umfang einer Kurzgeschichte ausreichen, um das Geschehen abzubilden. Aber wie schon dargelegt ist The Centaur für Algernon Blackwood wesentlich mehr als einfach nur eine Geschichte. Es ist Manifest, Grundsatzprogramm und persönliche Bibel in einem.
Derjenige, der uns die Geschichte erzählt, ist ein unbeteiligter Ich-Erzähler, der am Ende gar nicht mehr so unbeteiligt wirkt. Er erzählt uns von seinem Freund Terence O’Malley, einem Iren, der alles ist, nur kein moderner Mensch, der mit dem Strom schwimmt. O’Malley hat eine Vision, die ihn lenkt. Zusätzlich angestachelt von den Werken des deutschen Psychologen, Physikers und Naturphilosophen Gustav Theodor Fechner sucht O’Malley sein Leben lang nach dem Grund dafür, warum er sich anderen Menschen nicht zugehörig fühlt und kommt – wie Fechner – immer mehr zu der Überzeugung, dass die Erde beseelt ist und wir Menschen einst eigentlich fester Bestandteil davon waren, jedoch zunehmend diese spirituelle Zugehörigkeit vergessen haben und durch den voranschreitenden Fortschritt zu Skeptikern allem Unerklärlichen gegenüber geworden sind.
Zum Zeitpunkt, da der Erzähler beginnt, ist O’Malley bereits ein Aussteiger, der der modernen Welt adieu gesagt hat und die Aura der Ur-Welt mit all seinen Sinnen spürt und von höchst willkommenen Einflüsterungen, Düften und Erscheinungen begleitet wird. Er begibt sich per Schiff auf seine persönliche Reise zu den Quellen der Ur-Erde, eine Reise, die auch zur inneren Odyssee wird. Auf dem Schiff lernt er einen mysteriösen nicht sprechenden Russen kennen, in dem er sofort einen weiteren Suchenden erkennt und zu dem er sich kompromisslos hingezogen fühlt. Der ebenfalls an Bord weilende deutsche Arzt Stahl scheint mehr über den geheimnisvollen Russen zu wissen und kennt sich auch mit O’Malleys Philosophie der beseelten Erde aus. Fortan treffen die drei immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen zusammen.
Erst im Kaukasus findet O’Malley das, was er sein Leben lang gesucht hat. In der dortigen Abgeschiedenheit ist die Erde noch unberührt von Skepsis und Fortschritt. In einem visionären Bilderrausch taucht O’Malley ein in die Aura der Vorzeit, fühlt sich von Göttern gestreift und von Fabelwesen begleitet: “Vor sich sah er die uralten Gestalten der Mythen und Legenden, immer noch lebendig in irgendeinem wunderbaren Garten der vorzeitlichen Welt, einem so entlegenen Winkel, dass die Menschheit ihn noch nicht mit den hässlichen Spuren ihres Lebens besudelt hatte.“
The Centaur ist alles andere als ein Spannungsroman. Das ist eine Zelebration. Algernon Blackwood feiert die Sprache mit jedem Satz. Die Anmut und Pracht von O’Malleys Visionen gehören zum Schönsten, was man in einem Buch finden kann. Natürlich könnte man Blackwood vorwerfen, sich immer und immer wieder mit seinen Thesen zur Allbeseelung des Universums zu wiederholen, aber nur so erreicht er die nachhaltige Wirkung, die The Centaur letztlich innehat.
Da stellt sich wie so oft die Frage, ob sich das alles nur im Kopf des Protagonisten abspielt oder als reales Erleben anzusehen ist. Das grandiose Ende des Romans, welches auch eine grandiose Kurzgeschichte fulminant hätte abschließen könnte, legt uns nahe, dass die Ereignisse nicht nur auf O’Malley begrenzt sind.
Eine völlig andere Interpretationsposition führt auf sehr direktem Wege zur Sexualität der Charaktere, die durchgängig schwul zu sein scheinen. Nicht eine einzige Frau hat Einzug in The Centaur gehalten, nicht einmal in einer Nebenrolle. Und über der gesamten Konstellation O’Malley/Stahl/Russe schwebt eine homoerotische Atmosphäre. Wenn beispielsweise der Russe O’Malley anlächelt, “mischten sich bei O’Malley Beunruhigung und ein Gefühl des Wunderbaren, wie er es noch nie erlebt hatte.“ Als O’Malley spontan die Hand des Russen umschlingt, “zuckte er leicht erschrocken zusammen, da sich die Berührung so wunderbar, so kraftvoll anfühlte – fast so, als hätte ihn eine Windböe oder eine Meereswoge erfasst.“
Während O’Malley im Bann des Russen ist, scheint Dr. Stahl O’Malley zugeneigt zu sein: “Im Dunkeln tastete er [Stahl] nach der Hand seines Gefährten und drückte sie einen Augenblick.“
Wie ich schon weiter oben sagte, vergisst der Ich-Erzähler zeitweise seinen neutralen Standpunkt, denn auch er outet sich, wenn er O’Malleys “feingliedrigen Hände“ und “die zarten, sensiblen Lippen“ feiert.
Dies alles sind nur einige Beispiele, die eine weitere Ebene von The Centaur entblößen und direkt zu den sexuellen Repressalien der menschlichen Gemeinschaft führt, die offenbar ebenfalls ein gewichtiger Grund sind, warum O’Malley diesem Leben entfliehen möchte.
Was auch immer jeder aus The Centaur mit nimmt, mich hat Algernon Blackwood in eine Welt der Wunder geführt.

Deutsche Übersetzung: Der Zentaur, übersetzt von Usch Kiausch (Leipzig: Festa, 2014)

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Als ich mit dandelion angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass man mit Rezensionen zu Büchern, die kaum jemand kennt, doch so viele Leute erreicht.
Eines kann ich versprechen: Ich werde weiter über nichtkommerzielle Titel schreiben.
Ein Riesendankeschön an alle, die dandelion besucht haben.