Arthur Machen | Die weißen Gestalten

Originalveröffentlichung:
The White People (1904, geschrieben 1899)

Arthur Machen - Die weißen Gestalten

Das Grauen wohnt im Verborgenen. In dieser richtungsweisenden Novelle lauert es hinter den naiv klingenden Sätzen im Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens. Die Schönheit der Worte täuschen beinahe darüber hinweg, dass hier in Wirklichkeit Unfassbares geschieht.

Kennt jemand das Gefühl? Man ist seit Jahren auf der Suche nach etwas Rarem, und völlig unerwartet, auf irgendeinem Flohmarkt, sieht man es plötzlich und kann es gar nicht fassen. Ähnlich geht es mir immer beim Lesen von Romanen oder Erzählungen, die so einmalig sind, so pur, dass man noch nie vorher etwas Derartiges gelesen hat und sofort merkt, dass eine ganz besondere Leseerfahrung folgen wird.
Der Waliser Arthur Machen ist so ein Autor, dem das bei mir bereits zweimal gelungen ist. Einmal mit seiner grauenerregenden, aber noch zeitweise recht trivialen Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der große Pan“] und zum zweiten Mal mit seinem dekadenten, eskapistischen Künstlerroman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume]
Mit der Novelle “The White People“ [“Die weißen Gestalten“] gelingt es Arthur Machen zum dritten Mal, mich mit etwas völlig Neuem, nie zuvor auch nur annähernd ähnlichem Gelesenen zu konfrontieren. Dabei könnte man “The White People“ vorschnell auf eine Zusammenführung der beiden genannten Texte reduzieren. Denn aus “The Great God Pan“ zieht sich “The White People“ das abgrundtief Böse und aus The Hill of Dreams die Schönheit und Natur des alten Wales mitsamt seiner römischen Artefakte. Aber, es wäre viel zu einfach, “The White People“ als eine geschickte Promenadenmischung aus “The Great God Pan“ und The Hill of Dreams anzusehen.
S. T. Joshi, der große aber auch polarisierende Literaturwissenschaftler beklagt in seinen Schriften immer wieder, dass das übersinnliche Element in vielen Werken der Phantastik nur zusätzlich aufgesetzt wird, ohne dass diese Art Literatur maßgeblich davon gelenkt wird. “The White People“ (wie auch vielen anderen Erzählungen Arthur Machens) kann man diesen Vorwurf beileibe nicht machen. Diese Novelle wird durchströmt vom Anderweltlichen. Das Unbegreifliche, das Unirdische, tränkt die Geschichte förmlich, und doch hat man beim Lesen überhaupt nicht das Gefühl, hier etwas Unrealistisches zu lesen. Das hin zu bekommen bedarf eines außergewöhnlichen schriftstellerischen Talents, aber auch kreativen Mutes.
“The White People“ beginnt bewusst steif mit einem philosophischen Altherrendialog über die Natur des abgrundtiefen Bösen. Was der Gelehrte Ambrose seinem Besucher Cotgrave zu erklären versucht, bleibt zwar schwammig, aber das macht nichts, denn Machen hat nicht im Sinn, uns eine einfache, leicht zu verstehende Geschichte zu liefern.
Was Ambrose dann zur Untermauerung seiner Thesen hervorzaubert – ein Notizbuch mit dem Titel Das grüne Buch –, hat es in sich. Das grüne Buch ist das Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens, dessen Name nicht genannt wird. Keine alltäglichen privaten Bekenntnisse eines heranwachsenden Mädchens werden vor uns ausgebreitet, sondern die Einführung in eine Phantasiewelt, die möglicherweise auch nur im Kopf des Mädchens stattfindet. Sie (so nenne ich sie jetzt mal in Ermangelung eines Namens und, um sie nicht “es“ nennen zu müssen) plappert in fröhlichem und unbeschwerten Ton über ihre Geheimwelt, die sie ausschließlich ihrem Tagebuch anvertraut. Schon mit drei Jahren spricht sie in “Xu-Sprache“ und erinnert sich später an “die kleinen weißen Gesichter […], die mich anschauten, wenn ich in meinem Bettchen lag.“ Wenn sie so in Schriftform redet, fragt man sich, was oder wer ihr den Zugang zu einer Welt verschafft hat, in der es wie selbstverständlich “Aklo-Buchstaben“, die“Chian-Sprache“, “Mao-Spiele“, “Dôls und Jeelo“ und das “Königreich Voor“ gibt. Sowie weiße, grüne und rote Zeremonien, aber: „Die roten Zeremonien sind die besten […]“.
Bereits in diesem frühen Alter ist es das Kindermädchen, “schön und weiß mit langen schwarzen Haaren und dunklen Augen“, die die Gedanken des Kindes in eine geheimnisvolle Traumwelt lenkt. Es ist eine Welt voller Wunder und Mysterien, die einem phantasiebegabten Mädchen sehr entgegen kommen muss. Das Kindermädchen, selbst von ihrer Urgroßmutter in diese Art der Folklore eingeführt, weiht sie in Tänze und Gesänge ein, die geheim sind und nicht weitergesagt werden dürfen. Das wird immer wieder betont.
Arthur Machen bietet uns durchaus eine psychologische Erklärung für all das an, indem er sparsam einige Hinweise streut. Denn das Mädchen hat mit zwölf ihre Mutter verloren. Ihr Vater, Rechtsanwalt, vernachlässigt sie. Mögliche Gründe genug für ein einsames Mädchen, sich mit voller eskapistischer Wucht in eine merkwürdige Traumwelt zu stürzen. Doch ist es das, was wir Leser glauben sollen? Wohl kaum.
Daher schauen wir einfach weiter, wohin uns die Tagebuchschreiberin führt. Eines Tages macht sie eine Wanderung in den Wald. Ein kleiner Bach führt sie durch Gestrüpp und einen Tunnel in eine wahrlich andere Welt. Eine unendlich scheinende kahle Ebene voller außergewöhnlich großer “hässliche[r] Steine“ und Erdhügel. Sie verweilt dort und versinkt in fremdartige Visionen. Als letzte Station ihrer fast schon epischen Reise findet sie “einen besonderen Wald, der zu geheim ist, um beschrieben werden zu dürfen.“ Ambivalente Gefühle beschleichen sie: “[…] ich rannte und rannte so schnell ich konnte, denn ich fürchtete mich, weil das, was ich gesehen hatte, so wunderbar und so seltsam und so schön gewesen war.“
Hier liegt wohl der Kern von “The White People“. Das Mädchen ist sechzehn. Ihr sexuelles Erwachen ist unübersehbar, wenn man genau hinschaut. Denn immer mal wieder wandelt sich der naive Erzählton des Tagebuchs in eine erotisierte Sprache: “Ich fieberte, und mein ganzer Leib zitterte, und mein Herz pochte.“ Abends wieder allein in ihrem Zimmer, versucht sie sich vorzustellen “all die Dinge [zu] tun, die ich getan hätte, wäre ich nicht so furchtsam gewesen.“ Später, als sie noch einmal darüber nachdenkt, zittert sie, und es wird ihr “heiß und kalt zur gleichen Zeit.“
Doch was hat sie gesehen? Haben die Hexensabbate der folkloristischen, in den Tagebuchtext eingewebten Märchen und Überlieferungen sowie die Andeutungen zügelloser Orgien etwas damit zu tun? Und welche Rolle spielt die Tagebuchschreiberin dabei? Ich mag nicht darüber nachdenken.
Aber bereits als Achtjährige wird das Mädchen von ihrem Kindermädchen mit deutlich sexuellen Andeutungen konfrontiert – hier in phallischer Symbolik dargestellt. Das Kindermädchen zeigt ihr, wie man aus Lehm ein Götzenbild macht. Mit rituellem Gesang knetet sie “die seltsamste Puppe, die ich je gesehen habe […].“ Das Gesicht des Kindermädchens wird immer röter bei dem Ritual. Einige Tage später gehen sie wieder zu der Stelle, “wo der kleine Lehmmann verborgen lag“, inzwischen “hart“. „Der Himmel leuchtete in einem tiefen, violetten Blau […]“
Was ist nun das Besonderes an dieser meisterhaften Novelle?
Am außergewöhnlichsten finde ich die völlige Gegensätzlichkeit, von dem, was (und wie es) erzählt wird und dem, was hinter den Sätzen lauert. “The White People“ ist zunächst einmal die farbenfrohe Flucht eines einsamen, vernachlässigten Mädchens in eine spannende Welt der Mysterien, geschrieben in einem naiven und kindreinen Ton. Was sie aber in Wirklichkeit erzählen will, aber nicht darf, befindet sich ebenfalls in dem Tagebuch, aber man muss es suchen und entkodieren.
“The White People“ ist geprägt von diesem positiv strahlenden Erzählton und spektakulären Beschreibungen britannischer Naturidylle, dunkler Wälder und Teiche aber auch unirdischer Traumlandschaften von grandioser kunstvoller Pracht.
Dieser Schönheit zum Trotz klingen immer wieder kleine Misstöne im Tagebuch auf, die Unbehagen auslösen. Diesen Effekt hat Arthur Machen in Perfektion ausgeschöpft.
Man will und kann kaum glauben, dass irgendwo unter den schillernden Sätzen grenzenlose Perversionen lauern. Die Frage, die alles überlagert, lautet: Was nur wurde diesem Mädchen angetan?

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Die weißen Gestalten“, übersetzt von Sigrid Langhaeuser, in: Frank Festa (Hrsg.), Das rote Zimmer – Lovecrafts dunkle Idole II (Leipzig: Festa, 2010)

Anmerkung: Eine weitere gut zu lesende Übersetzung, von Joachim Kalka, erschien ebenfalls unter dem Titel “Die weißen Gestalten“ in: Arthur Machen, Die weißen Gestalten (München: Piper, 1993). Im direkten Vergleich scheint mir die Übersetzung von Sigrid Langhaeuser werkgetreuer und weniger umständlich. Der Machen-Kenner Marco Frenschkowski bemängelte in seinem Essay “Arthur Machens The White People – eine magische und erotische Initiation“ (erschienen in Das schwarze Geheimnis Nr. 1/1994) die “problematische, da in den mythologischen Anspielungen sehr freie“ Übersetzung von Joachim Kalka.

Mehr zu Arthur Machen auf dandelion | abseitige Literatur:
Arthur Machen | Der Berg der Träume

Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 16: Stefan Mesch

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Stefan Mesch, Autor, Literaturkritiker (u.a. ZEIT Online und Freitag), Blogger (Stefan Mesch) – und Herausgeber eines 800-Seiten-ebooks zu 20 Jahren Verbotene Liebe mit u.a. Elke Heidenreich.

Ich mag energische, willensstarke Hauptfiguren: Erzähler oder Protagonisten, die Opfer bringen, sich Gedanken machen, Entscheidungen aus guten Gründen treffen – mit Ausdauer und Verstand.
Ich brauchte viel Zeit, um zu verstehen: Solche Rollen stehen und fallen mit ihren Gegenparts. Den Widersachern, Partnern, Nebenrollen und Ensembles. Eine komplexe Figur mit guten Gründen? Toll. Aber wenn die Gegenseite ebenso komplex ist? Genauso gute Gründe hat? Dann machen Lesen, Denken, Zuschauen Kopfschmerzen – auf die beste denkbare Art und Weise.
Die kleinen Streitereien von Tom und Lynette Scavo aus Desperate Houswives begannen als recht banale Alltags- und Krieg-der-Geschlechter-Comedy. Nach vier Staffeln/Jahren täglicher Konflikte, Kompromisse und Versöhnungen wurde dieses Vorstadt-Antihelden-Paar, zwei anfangs recht platte Rollen, zeitweise zu meinem Lieblings-Ehepaar, in jedem Medium. Denn beide Partner haben gute Gründe und die besten Absichten – und zerschellen, zerfleischen, zerfetzten sich sehr klug, liebevoll und gut gespielt. (Nach 87 Episoden brach ich die Soap trotzdem fürs Erste ab)

Weitere Favoriten:

1. Richard Yates – Revolutionary Road [Zeiten des Aufruhrs] (1961)

Die US-Housewives-Vorstadtwelt als Kulisse für ein smartes, bitteres, überraschend komplexes Ehedrama: Neu in der vermeintlich spießigen, konformen Nachbarschaft tun Frank und April Wheeler anfangs alles, um nicht selbst zu Spießern zu werden. Ein Ehe-Roman, der auch mit sehr viel platteren Figuren funktionieren würde – und dem ich hoch anrechne, wie wunderbar komplex verpfuscht beide Partner versuchen, über sich hinaus zu wachsen.

2. Vladimir Nabokov  – Ada; or Ardor: A Family Chronicle [Ada oder Das Verlangen] (1969)

Ein Landsitz! Privatlehrer! Endlose Sommer! Ada zeigt dieselbe Sorte sonnig-kitschige erste Liebe zwischen sorgenfreien, blasiert artistokratischen Sprößlingen wie zahllose russische Klassiker des 19. Jahrhunderts. Nur… Überspannter. Absurder. Böse verdreht. Jeder von uns kennt ein „großes“, gefeiertes Liebespaar, das ihn kalt lässt oder abstößt – wegen zu viel Süßholzraspeln, Melodrama, Dauer-Selbstverliebtheit, -mitleid und -bezogenheit beider Partner. Van und Ada sind die „American Psychos“ unter den Kitsch-Paaren. Zwei millionenschwere Gestörte – die sich für romantische Helden halten. Ein unverschämter, brillanter, hässlicher Roman – der zeigt, dass große Liebespaare oft wenig liebenswert sind, für die Welt um sie herum.

3. Michael Chabon – The Amazing Adenvtures of Kavalier & Clay [Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay] (2000)

Zwei jüdische Außenseiter im New York der 30er bis 50er Jahre – und eine Freundschaft, die den Weltkrieg und die Kommunistenverfolgung durch Senator McCarthy überdauern will: Michael Chabon erzählt von Kriegs- und Comichelden, Groschenheften und Entfesslungskünstlern, überraschendem Erfolg, blinder Ambition, brutalster Einsamkeit. Ich kenne kein anderes Buch, in dem über 600 Seiten lang ausgelotet wird, wie ein schwuler und ein heterosexueller Mann aneinander wachsen, voneinander lernen – ohne Hysterie, Intrigen, Eifersucht oder das billige Melodrama „verbotener“ Gefühle. Ein tolles Paar – weil hier nichts funkt. Und die platonische Freundschaft mitreißender, komplexer erzählt wird als anderswo die größten Liebes-Plots.

Drei kleinere Tipps: Animal Triste von Monika Maron (eine DDR-Forscherin blickt auf eine Affäre zurück und wird zum traurigen, verbitterten Fossil), One Day [Zwei an einem Tag] von David Nichols (zwei Perspektiven, 20 Jahre: toller britischer Mainstream) und The Garden of Eden [Der Garten Eden] von Ernest Hemingway (eine Sommerfrische, die sexuell außer Kontrolle gerät: viel reifer, sensibler und wilder als alle anderen Romanzen bei Hemingway).
Mein Lieblings-Liebespaar überhaupt sind Reporterin Lois Lane und Clark Kent (Superman) – denn die Autoren nutzen diese beiden Kollegen, Kontraste und Ikonen oft für ein geistreiches, sympathisches Wettrüsten: Wie kann eine Frau ohne Kräfte mit diesem Übermensch mithalten? Lois kann – denn oft ist sie viel härter, schneller, energischer und geistreicher als Clark. Zwei Menschen, die sich gegenseitig anspornen, herausfordern, das Beste rausholen aus ihren Unterschieden und Widersprüchen. Für den Berliner Tagesspiegel habe ich länger aufgeschrieben, was mir an Clark und Lois imponiert.

„Erinnerung“ / Cimitero Monumentale Milano

Eine Erinnerung der Künstlerin an den Ort, an dem das Foto zum neuen dandelion-Header entstand.

von Projekt wort:rausch / Alexandra F.

Es ist nur ein Gefühl, sagst du, und ich denke… dieses „nur“ ist alles, es hält die Welt zusammen. So viele abgeschnittene Gesten hier… zwischen den Zypressen, und die Sonne tut so als ginge sie dieses Alles nichts an. Demut – ein Wort – denke ich während ich dein Haar berühre… so beiläufig wie das Leben. Ein Anspielen ist es, nicht mehr, eine Welt im Vorübergehen. Ich geh an dir vorbei, Welt. Lege deine Handflächen auf den kühlen Stein, du Gesicht des Trostes. Wir falten jetzt unser Leben auseinander – hier. Du und ich.

Bronze - Originalfoto
Copyright © by Projekt wort:rausch